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Menschen mit einem Asperger-Syndrom werden häufig mit Vorurteilen und Fehlannahmen über das Autismus und das Asperger-Syndrom konfrontiert. Viele berichten in Foren und unseren Selbsthilfegruppen ähnliche Erlebnisse.
Wir möchten versuchen, auf dieser Seite einige häufige Fehlannahmen zu erklären und richtigzustellen.

 

 

Autistische Menschen können nicht sprechen.


Die häufigste Fehlannahme in der Allgemeinbevölkerung, aber auch bei Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und anderen Fachleuten, ist, dass Autisten grundsätzlich nicht sprechen können oder erhebliche Sprachprobleme haben.

Dies ist falsch.

In den aktuellen Diagnosekriterien geht man zwar bei manchen Autismus-Formen, v.a. beim frühkindlichen Autismus, von einer Sprachentwicklungsverzögerung  aus, aber die allermeisten Menschen mit Asperger-Syndrom können sich mündlich und schriftlich durchschnittlich gut bis hervorragend ausdrücken. Viele verfügen seit ihrer Kindheit über einen ungewöhnlich großen Wortschatz. Sprache wird aber gelegentlich anders, z.B. wortwörtlicher oder in einer kreativeren Art verwendet oder verstanden.
Es ist nicht selten, dass ein Asperger-Autist berichtet, er habe die Diagnose lange nicht bekommen, denn Ärzte und Therapeuten waren der Meinung: „Sie können nicht autistisch sein, Sie sprechen doch mit mir.“

 

 

Autismus kommt ausschließlich bei Kindern vor und wird immer schon in der Kindheit erkannt.

Das Bild, das in den Köpfen der Bevölkerung, aber erstaunlicherweise auch bei vielen Fachleuten, existiert, ist etwa folgendes:

„Autisten sind immer Kinder, meistens Jungen, die geistig behindert sind, nicht sprechen können, keinen (Blick)kontakt aufnehmen, in einer Ecke sitzen und stereotyp ein Spielzeug in den Händen drehen oder mit den Armen flattern.“

Dies ist falsch.

Viele autistische Kinder sind in den ersten Lebensjahren pflegeleicht und unauffällig, so dass die Schwierigkeiten erst später bemerkt werden, aber oft jahrelang nicht richtig zugeordnet werden können. Laut Fachliteratur liegt das durchschnittliche Alter bei Diagnose eines Asperger-Syndroms bei 11 Jahren, aber viele, v.a. normal begabte oder hochintelligente Autisten ohne Sprachentwicklungsstörung, werden wesentlich später und oft erst im Erwachsenenalter bekannt. Das liegt oft daran, dass erst bei kritischen biographischen Übergängen, z.B. der anstehenden Berufswahl nach der Schule oder während der ersten Ausbildung oder des Studiums, die oft gravierenden alltagspraktischen und sozialen Defizite nicht mehr ausgeglichen werden können.

 

 

Menschen mit Asperger-Syndrom sind immer geistig behindert.
oder
Menschen mit Asperger-Syndrom sind immer hochbegabt.


Menschen, die mit Asperger-Autisten privat oder beruflich zu tun haben, äußern sich immer wieder erstaunt darüber, dass autistische Menschen oft sogar höhere Schulabschlüsse,  abgeschlossene Berufsausbildungen oder einen Hochschulabschluss haben. Häufig wird angenommen, Autismus sei grundsätzlich mit einer geistigen Behinderung verbunden.
Genauso häufig nehmen andere an, dass alle Menschen mit Asperger-Syndrom hochbegabte Genies seien.
Beides ist falsch.

Das Intelligenzspektrum ist, auch laut Fachliteratur, das gleiche wie bei nicht autistischen Menschen. Geistige Behinderung ist ebenso möglich wie überdurchschnittliche Intelligenz.
Hans Asperger selber ging von normaler bis überdurchschnittlicher Intelligenz aus.
Es kann aber vorkommen, dass mit den üblichen Intelligenztests (z.B. HAWIK), eine niedrigere Intelligenz gemessen wird, was daran liegen könnte, dass autistische Menschen eine andere Denkweise haben, die mit diesen Tests nicht korrekt erfasst werden kann. Man sollte nie vergessen, dass Intelligenz ein Konstrukt ist, das aus Annahmen besteht, was Intelligenz sein könnte: „Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst.“

 

 

Asperger-Autisten haben keine Gefühle.


In Zeitungsartikeln, bei Gesprächen und auch in Fachliteratur taucht häufig der Satz auf: „Autisten können keine Gefühle empfinden.“

Das ist falsch.

Autistische Menschen haben genauso viele oder wenige Gefühle wie nicht-autistische Menschen. Es gibt sogar die Annahme, dass autistische Menschen intensiver empfinden und extremere Gefühle erleben (z.B. auch Angst, Trauer).
Jedoch haben Autisten oft Schwierigkeiten, diese Gefühle angemessen auszudrücken – von außen kann also oft nicht beurteilt werden, was und wie stark ein autistischer Mensch etwas empfindet. Obwohl ein autistischer Mensch z.B. Schmerz und Traurigkeit empfinden kann, wenn ein anderer Mensch weint, ist er oft nicht in der Lage, diesem Menschen gegenüber seine Gefühle auszudrücken und ihn z.B. zu trösten.
Autistische Menschen sind unter Umständen auch nicht in der Lage, ihre Gefühle mit Worten auszudrücken oder sprechen nicht von sich aus über das, was sie fühlen.

 



Menschen mit Asperger-Syndrom können sich nicht in andere hineinversetzen bzw. haben keine Empathie.


Häufig wird angenommen, autistische Menschen hätten kein Empathie-Empfinden, d.h. sie können sich nicht vorstellen und nachempfinden, was andere denken und fühlen.

Dies ist falsch.

Autistische Menschen haben oft ein sehr feines Gespür für ihre soziale Umgebung. Sie nehmen sehr viel davon auf, können es aber oft nicht zuordnen, benennen und darauf reagieren.
Menschen mit Asperger-Syndrom erfassen ihre soziale Umgebung oft vorrangig mit dem Verstand. So können sie logisch erschließen, wie es anderen geht. Da dies aber nicht intuitiv geschieht, sondern eine Art „Umweg“ ist, ist jede soziale Interaktion für Autisten sehr anstrengend.

 



Autisten möchten keine sozialen Kontakte haben und sind an Freundschaften nicht interessiert.


Oft liest man, autistische Menschen würden bewusst isoliert leben und soziale Kontakte ablehnen.

Dies ist differenziert zu sehen.

Von Natur aus haben die meisten autistische Menschen den Wunsch nach sozialen Kontakten. wenn auch meist in geringerem Maß als nicht-autistische Menschen. Da soziale Interaktionen aber sehr anstrengend für sie sind und häufig Missverständnisse auftreten, machen viele Autisten sehr früh die Erfahrung, dass sie ausgeschlossen und gemobbt werden. Sie können oft mit Gleichaltrigen nicht mithalten und interessieren sich für andere Themen. Diese Erfahrungen führen wiederum dazu, dass autistische Menschen von sich aus keinen Kontakt mehr zu anderen suchen, um Ablehnung zu vermeiden.
Autistische Menschen brauchen auch häufiger Rückzugsmöglichkeiten als andere, weshalb sie Situationen meiden, in denen dieser Rückzugsraum nicht sicher gegeben ist.

 



Autisten nehmen keinen Blickkontakt auf.


Die offiziellen Diagnosekriterien nennen den „fehlenden Blickkontakt“ als Kriterium.

Dies ist differenziert zu sehen.

Durch die andere Art der Wahrnehmung bringt es für autistische Menschen keine zusätzliche Information, anderen beim Sprechen in die Augen zu sehen, sondern lenkt ab und verwirrt sie. Autisten neigen eher dazu, anderen auf den Mund zu sehen, denn dort bewegt sich etwas synchron zur gesprochenen Sprache und ergibt Sinn.
Viele autistische Menschen haben jedoch ein relativ normales Blickverhalten erlernt, weil es von der Umgebung, z.B. den Eltern, so erwartet und „trainiert“ wurde.

 



Autismus wird immer häufiger diagnostiziert und ist deshalb eine Modediagnose.


Man liest häufig, dass Autismus-Diagnosen in den letzten 20 Jahren rapide zugenommen hätten und Autismus eine neue Modediagnose sei.

Dies muss differenziert betrachtet werden.

Fakt ist, dass Autismus inzwischen häufiger diagnostiziert wird als noch vor 20 Jahren. Die Gründe dafür sind folgende: